Große Denker der Menschheit: 1.33 Georg Simmel: Kant und Goethe

1913 hat Georg Simmel seine Überlegungen zu Kant und Goethe veröffentlicht. Das eBook kann kostenlos bei Amazon runtergeladen und entweder mit den Kindle-Lesegeräten oder mit der von Amazon  für PC’s verfügbaren Apps  gelesen werden.

Georg Simmel

Kant und Goethe

Kant sagt, daß wir über unsere Sinne ein Objekt erfassen und aus den Sinnesempfindungen ein abstraktes, geistiges Abbild des Objekts erschaffen, über das wir dann nachdenken können. Im folgenden einige Kernaussagen aus der Untersuchung von Georg Simmel:

Die geistige Einheit, von der beide, im Gegensatz zum Sensualismus und Rationalismus, das Erkennen tragen lassen, ist bei Kant im Grunde eine mechanistische, bei Goethe dagegen eine vitalistische zu nennen.

Kant spricht aus unserer wissenschaftlichen Erkenntnismöglichkeit heraus, die für ihn das Sein einschließt, Goethe aus dem Sein heraus, das für ihn auch unsere Erkenntnis einschließt.

Kant bestimmt die Schranken des Weltbildes selbst, soweit er es als wissenschaftlich anerkennt, gegenüber dem Ideal der unbedingten Einheit der Dinge.

Für Goethe andererseits wird die Grenze, bis zu der die Analyse gehen darf durch ein nicht weniger bestimmtes Kriterium gegeben, sie ist ihm von dem Punkt an unzulässig, wo sie die Schönheit der Dinge zerstört.

Schönheit, so könnte man in Goethe’s Sinne sagen, ist die Form, in der Stoff und Idee oder Materie und Geist sich gegenseitig innewohnen.

Kant’s zentraler Gedanke beruht hier auf der völligen Scheidung zwischen der Sinnlichkeit und der Vernunft; einen Wert erhalte das Handeln erst dadurch, daß es unter absoluter Rücksichtslosigkeit gegen die erstere ( Sinnlichkeit) ausschließlich der letzteren ( Vernunft )  gehorche.

Goethe hält die sittlich-praktische Tüchtigkeit – so wie Kant auch –  für das höchste Primat. ( Primat = höchste Ziel )

Kant’s Ethik beruht auf dem unversöhnlichen Wertunterschied zwischen der sinnlichen und der vernünftigen Seite unseres Wesens. Für Goethe ist dieser christliche Dualismus der Todfeind.

Kommentar

Kant und Goethe haben dasselbe Ziel:   Sie wollen die Welt und die Menschen so gut wie möglich verstehen.

Beide verwenden dazu entgegengesetzte Denkweisen:

  • Kant geht von möglichst wenigen, recht abstrakt formulierten Grundannahmen aus und versucht daraus, eine Begriffsstruktur zu entwickeln, mit der er die durch unsere Sinne erfassbare Welt erklären kann. Dabei macht er die Erfahrung, dass unser Denken in Widersprüche geraten kann, wenn die Grundannahmen zu allumfassend gewählt werden.
  • Goethe versucht, die Welt so unvoreingenommen wie möglich auf sich wirken zu lassen und einen Gesamteindruck von ihr zu gewinnen. Er verwendet keine abstrakten Begriffe.

Beide Denkweisen beschränken die möglichen Erkenntnisse.

  • Kant muss viele Einzelfälle und ihre Zusammenhänge mit anderen  vernachlässigen, damit er überhaupt abstrakte Begriffe entwickeln kann und bildet deshalb nur einen sehr kleinen Teil der Vielfalt in der Welt mit seinen Begriffsstrukturen ab.
  • Goethe sieht die überwältigende Vielfalt und Verschiedenheit in der Welt und wagt es deshalb nicht, sie mit abstrakten Denkstrukturen zu erfassen, weil er sieht, daß er dann das, was er bewundert,  in seinem Denken zerstört.

Kant ist deshalb ein Repräsentant der reduktionistischen Denkweise und Goethe der holistischen Denkweise.

  • Wahrscheinlich neigen viele Menschen der einen oder der anderen Denkweise zu und es mag nur wenige geben, die beide Denkweisen ausgewogen beherrschen, was aber unser Ziel sein sollte.
  • Vielleicht hängen beide Denkweisen auch damit zusammen, ob Menschen stärker ausgeprägt induktiv oder deduktiv denken. Zumindest ist diese Schlußfolgerung verführerisch.

Das ließe  sich durch psychologische Experimente klären oder indem die Denkweisen von weiteren großen Denkern untersucht werden.

In der abendländischen Kultur, soweit sie vom Christentum geprägt wurde, existierte immer das Gegensatzpaar von Körper und Geist-Seele und das grundsätzliche Vorurteil, daß der Mensch Ziel der Schöpfung sei und deshalb höherwertig als alle anderen Lebewesen wäre.

In den letzten Jahrzehnten wurden  aber wichtige  neue Erkkenntnisse in der Verhaltensforschung erzielt und  insbesondere in der vergleichenden Verhaltensforschung von Primaten und Menschen.

Sie zeigen, dass es keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Menschen und Primaten gibt. Beide haben viele gleichartige Verhaltensweisen und auch Primaten können Werkzeuge gebrauchen und andere lehren, sie zu handhaben. Primaten können zwar wegen ihrer Anatomie  ( Kehle und Mundhöhle ) nicht sprechen, sie können aber mit Symbolen umgehen und damit auch sinnvolle Satzstrukturen bilden.

Und da wir heute wissen, dass es keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen den Lebewesen auf der Erde gibt, sondern alle miteinander verwandt sind, sollten wir akzeptieren, dass es nur graduelle Unterschiede gibt. ( Alle Lebewesen entstanden aus einer Urzelle )

Wenn wir das Denkvermögen von verschiedenen Lebewesen miteinander vergleichen, so können diejenigen mit mehr Neuronen und Verknüpfungen zwischen ihnen, wahrscheinlich auch komplexere Denkvorgänge ausführen.

Über Delphine und Wale wissen wir noch zu wenig. Bei Delphinen wissen wir allerdings, dass sie sich in einem sehr hohen Frequenzbereich untereinander verständigen und deshalb sehr viele Informationen austauschen könnten.

Da beide  sehr große Gehirne besitzen, sollten beide auch sehr komplexe Denkvorgänge durchführen können.  Das werden wir allerdings nur herausfinden können, wenn wir das aus blanker Gier verursachte,  brutale Abschlachten dieser Lebewesen verhindern.

Wir sollten  das alte Vorurteil endgültig aufgeben, dass Körper und Geist-Seele Gegensatzpaare sind.  Sie bilden eine Einheit und alle Religionen und Ideologien, die das verneinten, haben ungeheuer viel  Leiden über die Menschheit gebracht.

Das zu abstrakte Begriffsgerüst von Kant sollte also modifiziert werden, so dass das Denken in Gegensätzen wegfällt.

Wahrscheinlich geht das am besten, indem Begriffe aus der Informatik und den Neurowissenschaften verwendet werden, weil damit auch vermieden wird, dass durch die mit Vorurteilen belasteten Begriffe zu falschen Schlußfolgerungen führen.

Es wird auch interessant sein, die Denkweisen von Newton und Goethe miteinander zu vergleichen, wie sie beide zu ihren unterschiedlichen Farblehren gelangten.

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